Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Vermächtnis

Heribert , Tilman Schwan, Jens



Wer die Bilder Helmut Kohls von der Frankfurter Buchmesse gesehen hat, freut sich über das Cover: ein selbstbewusster Mann mit wachem, klaren Blick, vielleicht eine kleine Spur umwölkt, ein wenig misstrauisch, taxierend gar, lächelt uns an. So dürfte Kohl zum Zeitpunkt der Aufnahmen der Kohlprotokolle 2001/2002 ausgesehen haben. Er ist entmachtet, ein Spendenskandal hat seinen Ruf zerstört, seine Weigerung, die Geldgeber preiszugeben, setzt seiner politischen Karriere ein unrühmliches Ende. Er lebt nun zuhause in Oggersheim, im Erdgeschoss seine durch Krankheit zunehmend eingeschränkte Frau Hannelore. Hier entstehen die umstrittenen Protokolle, die Meike Kohl am 12.3.2014 vom Gerichtsvollzieher bei Schwan abholen lässt. War dies auch der Auslöser für das "Vermächtnis"? Ganz klar sind mir Schwans Beweggründe,dieses Buch jetzt zu veröffentlichen nicht. An vielen Stellen des Textes spürt man nicht nur Kohls Frustration nach dem Verlust der Macht, sondern eben auch Schwans Frustration über den Verlust der Bänder, über den nie veröffentlichten, bereits fertig geschriebenen Teil IV der Kohl Biographie, die Hilflosigkeit des alten Mannes im Rollstuhl spiegelt Schwan in der Hilflosigkeit über Meike Kohls Vorgehen, Kohls Unverständis für seine Parteikollegen und Schwans Unverständnis für die Vorgänge im Hause Kohl nach Hannelores Tod kommen irgendwie gemeinsam daher.

Menschlich interessant, wie Schwan seine Lebenszeit in das Projekt Kohlbiographie steckt, wieviel er persönlich opfert, wie er beinahe mit lebt im Hause Kohl. Der Preis für die Vozugsposition ist hoch, Abstand unter diesen Umständen schwierig, so nahe jemanden zu sein und dennoch mit der gebotenen journalistischen Distanz zu arbeiten: Beinahe unmenschlich, solches zu erwarten! schwan steht zu seiner Zerrisenheit in diesem Sinne, er schildert Entfremdung zu seinen Freunden während dieser Zeit, so ist dieses Buch ein wenig auch ein Spiegel Schwans. Immer wieder versucht er Kohls Verhalten zu deuten, zu interpretieren. Diese Passagen sind nicht immer interessant, sie bringen keine neuen Aspekte. Aber diese Interviews, diese Passagen, Kohls Ausbrüche, seine unverfrorene Art, über andere zu urteilen, das ist lesenswert. Dieses durch und durch machtgeprägte, zielorientierte Weltbild und das ausblenden sämtlicher Dinge, die irgendwie nicht passen, sogar in seiner allernächsten Umgebung, das alles ist faszinierend zu lesen!

Meike oder Helmut Kohl haben den ersten Prozess gegen Schwan in der Sache Protokolle zwar verloren, es ist allerdings erfahrungsgemäß davon auszugehen, das sie die Revision gewinnen werden. Also wer dieses Buch noch ungeschwärzt lesen möchte, dem rate ich vollkommen uneigennützig: Jetzt kaufen!

Tags: Biografie

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