Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Die Auferstehung

Karl-Heinz Ott



Hier liegt der Vater im Sterben, nein, er ist tot, er liegt in seinem Bett, im Nebenzimmer und die Geschwister Joschi, Jakob, Uli und Linda, Jahrgang 1946-1959 versammeln sich in seinem Haus.
Sie alle haben dieses Haus seit Jahren nicht mehr betreten, denn der Vater hat seine Nachkommen nach seiner versuchten Entmüdigung und der Auswechslung sämtlicher Türschlösser, seine Kinder ganz einfach erst gar nicht mehr hereingelassen.
So kommen die Kinder in ihr Elternhaus, irgendwo im Schwäbischen, das der Vater ein wenig umgestaltet hat, so hat er beispielsweise die Wände mit pornographischen Abbildungen dekoriert.
Diese Kinder kommen nicht um Abschied zu nehmen, sondern um das Erbe zu verteilen, denn am kommenden Morgen wird das Testament, das der Nachbarsjunge und heutige Münchner Staranwalt Max Schmeler, der einmal mit Linda verlobt war, gemeinsam mit dem Vater aufgesetzt hat, vor Gericht eröffnet.
Dinge müssen geklärt und Besitztümer aufgeteilt werden.
Es wird abgerechnet, das Erbe soll verrechnet werden, aber was die Geschwister während sie auf den Anwalt Schmeler warten, abrechnen, sind ihre Leben, ihre Verfehlungen, ihre Verletzungen, ihre Frustration und Enttäuschung. Sie rechnen sich gegenseitig vor, wer, wie, wo, wann, was erhalten oder nicht erhalten hat, werfen sich emotionale Verletzungen an den Kopf, kurz es wird eine lange, böse Nacht, in der die Masken fallen und einiges ans Licht kommt.
Ott rechnet in diesem Roman mit seiner Generation ab. Es ist eine böse Geschichte, detailreich wird geschildert, wie die "Hüllen fallen" und die nackte Wahrheit ist zumeist nicht schön. Das macht er grandios und virtuos, leider an einigen Stellen etwas zu langwierig, was der Klasse dieses Buches insgesamt gottseidank nicht schadet, aber dem Ganzen ein wenig den radikalen Biss nimmt. Ab und an erkennt der Leser die eine oder andere Fratze, so manches Mal begegnen ihm bekannte Gesichter, schlimmstenfalls das eigene Spiegelbild.
Entlarvend, toll geschrieben, Otts Sprache ist Musik und dann nach einer Nacht der langen Messer, die große Überraschung, der Plot, klasse gemacht und bitterböse, halt ein echter "Ott".

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