Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Geh hin und stelle einen Wächter

Lee Harper



2015 erschien die 1957 beim Verlag Pinnicott eingereichte Frühfassung von " Wer die Nachtigall stört" bei DVA Random House unter dem Titel "Geh hin und stelle einen Wächter". Das Manuskript galt als verloren und wurde 2014 in Harper Lees Privatarchiv wieder entdeckt.
1960 erschien Harper Lees zweites Buch unter dem Titel "to kill a mocking bird" "Wer die Nachtigall stört".
1961 erhält Harper Lee für die "Nachtigall" den Pulitzer Preis und spätestens nach der grandiosen Verfilmung mit Gregory Peck wurde "Atticus Finch" zum amerikanischen "Nationalhelden" stilisiert. Ein Rang für eine fiktive Buchperson, die nicht mehr übertroffen werden kann, alles was danach käme, wäre schlechter.
Damit rechtfertigt Lee auch ihr jahrzehntelanges Schweigen nach dem Ruhm. Sie veröffentlicht bis 2015 keine Zeile mehr und lebt zurückgezogen.
Nun aber eben doch, Lee veröffentlicht ihr eigentlich erstes Buch über 50 Jahren nach dessen Entstehung und selbstverständlich ist hier nebenbei bemerkt viel Geld im Spiel. Damit überlässt Lee (geb.1926) es erstmals dem Leser, ihre Ängste bezüglich der Veröffentlichung zu beurteilen und ja, diese waren durchaus gerechtfertigt.
Es darf zudem davon ausgegangen werden, dass Lee in Tay Hohoff eine geniale Lektorin gefunden hatte, der die "Nachtigall" mehr als nur gut getan hatte. Hohoff verstarb in den 1960ern und kann leider nicht zur Klärung um die dubiosen Umstände des Erscheinens des "Wächter" beitragen.
Ebenfalls 2015 schob der Rowohlt Verlag eine Neuübersetzung von "Wer die Nachtigall stört" nach, diese habe ich gleich nach dem "Wächter" gelesen.
Die Nachtigall, brillant und in sich schlüssig mit glaubwürdigen Figuren und wunderbaren Bildern lassen im Leser die Südstaaten der 50er und 60er Jahre wieder auferstehen, flirrende, gleißende Hitze, sandige Straßen, Menschen, eingebunden in ein enges Anstandskorsett, eine sandfarbene, Scout und Jem wachsen in einer statischen Welt voller kauziger und skurriler Typen auf, die Mutter wird ersetzt von ihrer schwarzen Nanny und Köchin, ihr Kumpel Dill verweist auf Lees Freund Truman Capote.

Im Wächter, der früher geschrieben wurde, sind alle Figuren erwachsen, sie werden vager gezeichnet, die herrlichen Landschaftsbilder und Szenen klingen zwar an, sind aber unausgereift. Einige Passagen erscheinen mir sehr modern für die 50er Jahre. Die Figuren sind bei weitem nicht so liebevoll und präzise wie in der drei Jahre später erschienenen "Nachtigall". Im Erstling sind alle Figuren ca. 15 Jahre älter und verbrauchter, Jem, Scouts Bruder lebt nicht mehr. Brillant wie in der Nachtigall sind nur wenige Szenen und aus dem Helden Atticus Finch wird ein Mensch seiner Zeit, ein freier Geist, ohne Zweifel, dennoch gebunden an die Regularien der Gesellschaft der 1950er Jahre. Im "Wächter" Buch ist das Mädchen Scout zur jungen erwachsenen Frau, die in New York lebt, gereift, die ihren Vater Attikus in Alabama besucht. Ihr Gebaren ist selbstherrlich und selbstgerecht, ihr Auftreten und ihre Handlungen wirken unsympathisch, ihr Verhalten ihrem Alter unangemessen. Der Leser, der darüber hinwegsieht, erkennt eine junge Frau von regem Geist, die sich von ihrem Gewissen leiten lässt und alles neugierig hinterfragt. Wer das Buch bis zu Ende gelesen hat, erfährt auch, dass Atticus durchaus kein Rassist ist, wie in vielen Artikeln kolportiert wurde, er aber eingebunden ist in die Zwänge seiner Umgebung und seiner Zeit entsprechend nicht anders handeln und agieren kann. Auch der "Wächter" ist gut, stellenweise brillant, aber mir mag es einfach nicht einleuchten, dass jemand innerhalb von 2-3 Jahren einen so gewaltigen Reifeprozess hinter sich bringt und dann schweigt.

Nun kurz und gut, beide Bücher haben ihren Reiz, beide sind absolut, jedes für sich und im Zusammenhang betrachtet, sehr empfehlenswert.
Ich finde beide Bücher sind ein Muss zum Lesen!

Tags: Südstaatenroman

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