Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Erschlagt die Armen

Shumona Sinha



Erschlagt die Armen, heißt ein Gedicht von Charles Baudelaire und die Protagonistin in diesem Roman, nimmt die Aufforderung an und schlägt einen Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf.
Sie wird in Polizeigewahrsam genommen, dort soll sie sich erklären. Sie muss sich und den Anderen gegenüber, ihre Handlung rechtfertigen. Welcher Anlass treibt eine dunkelhäutige Frau, die als Dolmetscherin in der Asylbehörde zwischen Asylbewerber und Beamte ermittelt zu solch einer Tat?
Selber wie vor den Kopf geschlagen, schaut sie sich und ihr Leben an und versucht zu verstehen, was meist nicht zu verstehen ist. Sie rechnet mit Allem ab, einschließlich Bürokratie, Asylbewerber und Richter und fragt sich und den Leser, wie das mit der Freiheit als Grundrecht war, sucht oft genug die Wahrheit vergebens.
Durch sie klingt die Sehnsucht, denn sie kann die Migranten verstehen. Aber sie klagt auch an, denn ebenso hört sie die Lügen, die gnadenlos aufgetischt werden, nur um auf Biegen und Brechen Bleiberecht zu erhalten. Sie durchschreitet den Pfad des kritischen Auges und Ohres, als auch den des Mitleids und des Hasses. Oft genug fühlt sie sich zerrissen weil sie um die kläglichen Lebensgeschichten weiß. Sie lüftet den Schleier einer uns fernen Perspektive, denn die Protagonistin steht zwischen den Welten, selbst aus ihrer Heimat entflohen und nie wirklich angekommen. Wie kann man sagen, wo der Ausgangspunkt war. Erinnerung kann sich verschieben, ist verrückbar, der Bezug zur Erinnerung ist veränderbar. Diese kann täglich neu verwoben oder verdrängt werden. Am Ende des Buches findet sie zu sich.
Shumona Sinha webt die Sätze wie einen Teppich und rudernd mit immer neuen poetischen Funken versucht sie die Missgunst der Dolmetscherin und die der Anderen aufzudecken.
Dieses Buch hat mich fasziniert, weil sie dieses dunkle Thema, der Armut, in diese poetische Form verpackt. Wie von Meereswellen umarmt, kommt ihre Poesie daher, man möchte ewig darin Baden und sich in einigen Sätzen suhlen. Darunter kann man auch Philosophisches entdecken, sodass man erst einmal innehält.
Lange dachte ich noch über dieses Buch nach und warum es so intensiv wirkt. Wäre es ein Sachbuch, welches über Migranten und Armut handelt, hätte es niemals diese Wirkung gehabt. Menschen möchten sich ungern belehren lassen. Dieses hier spricht Dinge so an, daß sie indirekt wirken, da die Protagonistin selbst Teil dieses Systems ist, und Teil der Migranten, hat sie das Recht zu urteilen, sich und die anderen zu kritisieren. Sie urteilt zwar, aber belehrt nie.
Ein großartiger, poetischer Roman, den man am besten häppchenweise zu sich nimmt.

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