Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Unterleuten

Juli Zeh



Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren ist promovierte Juristin, heute lebt sie von der Schriftstellerei. Sie gilt als eine der international erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands.
In Unterleuten erzählt sie die Geschichte des gleichnamigen Dorfes. Nahe bei Berlin gelegen gibt es dort unfassbar günstigen Wohnraum und viel Platz. Platz für Träume und Illusionen, wären da nicht die 200 Dorfbewohner selbst, verstrickt in ihren eigenen Kosmos aus unsichtbaren Beziehungen, Geschichten, alten offenen Rechnungen und vielen Altlasten aus der Zeit des Sozialismus.
Jule und Gerhard, er ein gealterter linker Professor und später Vater, sie seine ehemalige Studentin und junge Mutter des gemeinsamen Kindes, ziehen nach Unterleuten in ihr Traumhaus, raus aus Berlin, weg von Lärm, Abgasen, Anonymität und Wucherpreisen. Ein historisches Anwesen mit herrlichem Garten, ein Lebenstraum, wäre da nicht der böse Nachbar Schaller, aber damit fängt dieses herrliche Panoptikum erst an. Wir begegnen vielen Alt- und Neubewohnern Unterleutens, ein jeder verstrickt in die eigene Geschichte, gefangen in Ressentiments, Abhängigkeiten und Streitigkeiten, die auf uralten Geschichten basieren, auf Wahr- und Unwahrheiten, auf verlorenen Träumen, Eifersüchteleien und verworrenen Liebes- und Lebensgeschichten. Juli Zeh treibt die Handlung aus stets wechselnden Perspektiven voran, mit diesem Kunstgriff schafft sie Tiefe und Verständnis für die jeweiligen Figuren, die einerseits unverständlich und unmoralisch, andererseits aus ihrer Sicht konsequent und richtig handeln. Ich habe in einer Besprechung gelesen, das Buch handele vom Verlust von Bindungen, Traditionen und moralischen Werten, genau das empfinde ich nicht so, im Gegenteil das Buch erzählt unter anderem davon, dass diese Werte, die verlustig gegangen sein sollen, eben immer schon fragwürdig oder gar nicht da waren.
Die unterschwelligen Konflikte werden richtig brisant, als ein Investor Unterleuten für seinen Windpark aussucht. Dieser Windpark kann allerdings nur gebaut werden, wenn drei der 200 Dorfbewohner ihre Grundstücksparzellen an den Investor verkaufen, damit kommt so richtig Schwung und Dynamik in die Handlung.
Unterleuten ist ein herrlicher Gesellschaftsroman, ein Mikrokosmos voller wunderbarer, teils archaischer Gestalten und Konflikte. Ein Buch für anspruchsvolle Leser, absolut lohnenswert!

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