Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Tyll

Daniel Kehlmann



Til Ulenspiegel lebte angeblich als umherstreifender Schalk im 14. Jahrhundert. Er war Protagonist einer mittelniederdeutschen Schwanksammlung, die um 1510 erstmals unter dem Titel „Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel, geboren von dem Land zu Brunßwick, wie er sein Leben volbracht hat“ vom Straßburger Verleger und Drucker Johannes Grüninger ohne Nennung eines Verfassers publiziert wurde.
Kehlmanns neuer Roman Tyll wurde in fast allen deutschen Feuilletons besprochen, hochgelobt, ja gefeiert. Er selbst bezeichnet „Tyll“ als sein Meisterwerk und ja, das tut er zu Recht.
Dieser Roman ist grandios, Kehlmann verwebt historische Fakten mit Fiktion und entlässt seinen Tyll in das verwüstete Europa des Dreißigjährigen Krieges 1618-1648 in ein wahnsinniges Sittengemälde, das Goyas Bilderwelt entsprungen sein könnte.
In "Tyll" versetzt der Schriftsteller die Narrenfigur des Eulenspiegel in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.
Tyll Ulenspiegel, Sohn eines Müllers und eifrigen Welterforschers, muss miterleben, wie zwei Jesuiten mit seinem arglosen Vater kurzen Prozess wegen Hexerei machen. Er flieht nach dessen Hinrichtung mit der Bäckerstochter Nele, zieht mit Gauklern durchs Land und lernt unter der prügelnden Hand eines Gauklers die Tricks und Überlebensstrategien des fahrenden Volks.
„Tyll“ zeichnet ein Panorama der Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges und der Abgründe, die er in den Menschen entfacht.
Der Leser zieht mit Tyll durchs Land, lernt einfache Menschen, aber auch Hochwohlgeborene, wie den böhmischen "Winterkönig" Friedrich V. und seine Gemahlin Elisabeth Stuart kennen, die ursächlich am Weltenbrand des Dreißigjährigen Krieges beteiligt sind. Der Krieg aber macht alle gleich, Seuchen und Pest machen vor der Herrschaft nicht halt, ebenso wenig der große Gleichmacher Krieg.
Kehlmann schildert, wie in dieser wahnsinnigen Welt des Verderbens und Todes nur jemand wie der Narr Ulenspiegel überleben kann, der trotzig beschlossen hat, niemals zu sterben, der sich alterslos über die grauenhafte Welt um sich herum erhebt und ihr doch ausgeliefert ist, sich aber nicht unterkriegen lässt, der die Dinge durchschaut, manchmal böse, manchmal gutmütig, manchmal arglistig zu und über den Dingen steht.
„Tyll“ ist auch für mich ein Meisterwerk, das ist große Literatur und grandioses Lesevergnügen für anspruchsvolle Leser.

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