Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Der Nebelmann

Donato Carrisi



Das gelungene Cover dieses Thrillers führt den Leser bereits mitten in die Handlung des Buchs hinein. In einem öden Dorf in den italienischen Alpen verschwindet das 16-jährige Mädchen Anna-Lou. Hat es sich im Nebel „so dicht, dass er die gesamte Schöpfung ausgelöscht zu haben schien“ (Zitat, Carrisi) verlaufen, ist es entführt worden, dem tristen Dorfleben davongerannt oder wurde es Opfer des „Nebelmanns“.
62 Tage nach „der Nacht, die alles veränderte“ wird der im Fall ermittelnde Sonderermittler Vogel verwirrt und blutverschmiert aufgegriffen und in das Behandlungszimmer des örtlichen Psychiaters Auguste Flores zur Vernehmung gebracht. Der in Rückblenden und aus verschiedenen Perspektiven erzählte Kriminalroman findet immer wieder zurück in dieses Behandlungszimmer, das Ruhepol und Klärungsort in einem ist und in dem Vogel und Flores ihren fast freundschaftlichen Dialog führen.
Vogels Ermittlungen haben in dem Dorf eine Sensationsmaschinerie ohnegleichen ins Rollen gebracht, er ist bekannt dafür, seine Ermittlungen mit Unterstützung medialer Gewitter und öffentlicher Inszenierung zu führen und um den Medienhype anzufachen und am Laufen zu halten, ist er ohne Skrupel bereit, mit Tricks und Finten zu arbeiten, die andere Vertreter seines Berufsstandes moderat ausgedrückt „unakzeptabel“ finden. Verdächtig sind für Vogel an erster Stelle Anna Lous Familienangehörige, dann alle Dorfbewohner, besonders der Junge Matteo, der aus schwierigen Verhältnissen kommt und der Lehrer Martini, im Rahmen der Ermittlungen werden auch die Fälle der vor 30 Jahren vermissten 6 Mädchen, alle wie Anna Lou rothaarig, blass und sommersprossig, wieder aufgerollt und es stellt sich die Frage, ob ein Serienmörder nach 30 Jahren wieder aktiv geworden sein könnte.
In Rückblenden wird die Vorgeschichte um das Verschwinden des Mädchens aus wechselnden Perspektiven erzählt: Sonderermittler Vogel und dessen Gegenspielerin, die Staatsanwältin Mayer, der Lehrer Martini, der Psychiater Flores, der Junge Matteo, der Vogel unterstellte unbedarfte, aber sympathische Kommissar Borghi, die Sensationsreporterin Stella, Anna Lous Vater, Anna Lou selbst, sie alle kommen zu Wort und erzählen eine Geschichte, doch jeder Blickwinkel führt zu neuen Verdachtsmomenten, Vermutungen entstehen, ein Verdacht wächst, bis er erdrückend zu werden scheint – und dann lässt ein Detail die schönen Hypothesen wieder einstürzen. Vogel weiß, „dass es Geheimnisse gab, die Geheimnisse bleiben mussten“ und er ahnt am Ende, dass die Aufdeckung eines Verbrechens dazu führen kann, dass ein anderes Verbrechen verdeckt wird.
Carrisi baut einen verzwickten Kriminalfall im undurchdringlichen Nebel auf, der bis zum Schluss voller Überraschungen steckt. Er schreibt getreu dem Diktum eines seiner Protagonisten: „Es sind die Bösen, die eine gute Geschichte ausmachen!“

Tags: Psychothriller

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