Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Der dreissigjährige Krieg

Herfried Münkler



Noch heute gilt der "Dreißigjährige Krieg" als Metapher für die Schrecken des Krieges schlechthin. Er hinterlässt verheerte und verödete Landstriche, aufgelassene Dörfer, entleerte Städte, Krieg und Seuchen haben die Bevölkerung um 30-50% dezimiert. Es dauert Jahrzehnte, bis sich Deutschland von den Verwüstungen erholte. Der zweite Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 (der erste 1419 gilt als Beginn der Hussitenkriege), als protestantische Adelige die Statthalter des römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II. aus den Fenstern der Prager Burg stürzten, gilt als Beginn dieses Krieges, der sich zum Flächenbrand zum ersten „europäischen Krieg“ entwickelt, der erst 1648 mit dem „Westfälischen Frieden“ oder wie Münkler benennt, der „Westfälischen Ordnung“ beendet wird.
Münkler schildert den dreißigjährigen Krieg, bzw. die verschiedenen Klein- und Großkriege die zum Dreißigjährigen Krieg zusammengefasst werden, bis ins kleinste Detail. Er sammelt alle historisch belegbaren Fakten und stellt sie dar, ich habe lange gebraucht, um in den universitären Sprachduktus wieder hinein zu finden. Dann aber beginnt das Thema den Leser zu fesseln, wobei es mir unmöglich war, auch nur einen Bruchteil der Information und der Zusammenhänge abzuspeichern. Das ist einerseits unbefriedigend, andererseits schafft diese Unmöglichkeit Raum, um den größeren Zusammenhang zu erfassen. Linien, Zusammenhänge, Verbindungen werden offensichtlich. Verblüffend für mich: Gebiete die heute kaum noch eine Rolle spielen sind damals Hauptakteure, Böhmen, Anhalt, Jülich-Kleve, Donauwörth, kleine und kleinste Herrschaftsgebiete sind das Lot in der Waage der Macht. Hat man sich erst mal eingelesen, dann erzählt Münkler durchaus fesselnd vom Schwedenkönig Gustav Adolf, den Feldherrn (heute Warlord) Wallenstein und von Manstein, Europas sprich Dänemarks, Böhmens, Spaniens, Frankreichs, Englands, Schwedens, Italiens und Deutschlands Königs- und Fürstenhäusern, miteinander verschwägert, verbrüdert und irgendwie verwandt, dem Kaiser Ferdinand, Kardinälen und Kurfürsten, von Landsknechten, Schlachten und Kriegsordnungen, der Katholischen Liga und der protestantischen Union und noch vielem mehr.
Er versucht durch exakte Darstellung die Fäden auseinanderzuhalten, Aktion und Reaktion zu klären, Klarheit zu schaffen.
Die historische Historiographie weist Deutschland in diesem ersten großen Stellvertreterkrieg die „Opferrolle“ zu, spätestens nach dem II. Weltkrieg ist Deutschland die „Täterrolle“ zugewiesen.
Münkler klärt dezidiert über die Mischung aus „großem“ und „kleinem“, religiösen und territorialen Krieg auf und beschreibt dessen Ende im Westfälischen Frieden mit dem, Zitat Münkler Deutschlandfunk „eine neue Ordnung von Krieg und Frieden installiert wird, von der man sagen kann, sie beruht auf einer Zweiteilung, binär codiert, also entweder oder, ein Drittes gibt es nicht. Krieg oder Frieden, Staatenkrieg oder Bürgerkrieg, Kombattant oder Nonkombattant. Diese Ordnung gab es vor 1648 nicht, und die scheint mir heute auch nicht mehr zu existieren, jedenfalls in den Kriegen des Nahen Ostens oder der Sahelzone zwischen Mali und Somalia oder vor 10, 15 Jahren in den Kriegen an den großen Seen in Schwarzafrika.“
Er richtet in seinem Buch immer wieder den Blick auf heutige Kriege im Nahen Osten, Afghanistan und Afrika und zeigt Parallelen auf, wie man heutige Konflikte, Kriege anhand des Wissens um die vergangenen europäischen Konflikte vielleicht lösen könnte, wie man Ansatzpunkte um Ausweitung oder Entstehung lang andauernder Konflikte finden könnte.
„Der Dreißigjährige Krieg“ ist Lesearbeit und ich gebe zu, es fiel mir sehr schwer. Mir haben Münklers Thesen, die man nicht bestätigen oder unterstützen muss, am besten gefallen und seine Parallelen zu heutigen „Groß-, Klein- und Stellvertreterkriegen“ sind mir die liebsten Passagen, aber zu wenige. Er versucht politische Stränge aufzuzeigen, aber auch das ist mir zu wenig, wo er das allerdings tut, das sind mir die liebsten und spannendsten Passagen.
Münkler verweist immer wieder auf die politische Analyse, aber ich finde, gerade die kommt ein wenig zu kurz. Ich vermute, dass Münkler sich damit zu sehr als Wissenschaftler exponiert hätte, was ich persönlich sehr schade finde.

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