Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Olga

Bernhard Schlink



Schlinks „Olga“ erschien bereits im Januar 2018. „Olga“ ist das erste Buch, das an seinen grandiosen Roman „Die Vorleserin“ herankommt.
„Sie macht keine Mühe, sie steht und schaut“ damit beginnt die Geschichte Olgas. Mit dieser Aussage beschreibt die Mutter ihre einjährige Tochter, die sie bei der Nachbarin in Obhut gibt. Das Kind, das immer schaut, möchte vor allem verstehen, verstehen und lernen, trotz aller Widerstände besucht Olga, die nach dem frühen Tod der Eltern bei der Großmutter, die keinen Zugang zu dem Mädchen findet, aufwächst, eine weiterführende Schule und verwirklicht ihren Traum, Lehrerin zu sein.
Sie ist eine lebenskluge, starke, leise Frau, die ihr Leben nach ihrer Fasson lebt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, diese zwar nicht sprengt, aber dehnt und erweitert soweit es einer Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts möglich ist.
Olga liebt Herbert, den Jungen, der kaum kann er stehen, schon laufen, der nicht gehen, sondern rennen will und zwar schnell und weg, so weit weg wie nur möglich. Herbert, der Junge aus großbürgerlichem Haus, dem Gutshof des Dorfs in Posen, in dem beide aufwachsen, wird zum rastlosen jungen Mann, der träumt und sich verliert. Er verschwindet immer wieder, zieht mit den kaiserlichen Truppen 1904 nach Deutsch-Ostafrika, während Olga nach Ostpreußen die Nähe von Tilsit geht, um dort als Lehrerin zu arbeiten, geht Herbert nach Argentinien, Brasilien, Kola, Sibirien, Kamtschatka. 1913 macht er sich auf zu einer Expedition ins Packeis der Arktis, um die Nord-West-Passage zu erkunden, dort geht er verloren und wird nicht mehr gefunden…Olga bleibt zurück, arbeitet als Lehrerin und kümmert sich besonders um Eik, den jüngsten Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie. Eik geht zur SS, was Olga sehr missbilligt. So sehr, dass sie den Kontakt zu Eik abbricht. 1945 flieht sie mit dem letzten Treck aus Schlesien und landet in Heidelberg.
Schlink schildert die bewegende Liebesgeschichte in drei Abschnitten, im ersten Abschnitt erzählt er Olgas und Herberts Kindheit und Jugend, ihre beginnende Liebesgeschichte, die Bemühungen von Herberts Familie, die beiden zu trennen, die Bemühungen des Liebespaars einen gemeinsamen Weg zu finden.
Im zweiten Teil schildert Ferdinand, bei dessen Familie Olga, inzwischen ertaubt, nach dem zweiten Weltkrieg als Näherin arbeitet, Olgas Leben aus seiner Perspektive als alternde Frau. Als er sie kennenlernt, ist er ein kleiner Junge, als Olga stirbt, ein junger Mann. Olga setzt Ferdinand zu ihrem Erben ein. Nach ihrem Tod macht er sich auf die Suche nach ihrem und Herberts Leben.
Der dritte Teil beinhaltet Olgas Briefe, die sie von 1913-1971 postlagernd nach Tromsö an Herbert geschrieben hat. In ihnen lüftet sich auch das Geheimnis um Eik.
Olga ist eine Frau, die kämpft und sich findet. Herbert ein Mann der träumt und sich verliert- ihre bewegende Liebe, verschlungen in die Irrwege der deutschen Geschichte, hat Schlink zu einem großartigen Roman um eine großartige Frau verwoben.
Für mich ist Olgas Geschichte die Geschichte einer Frau, die ein scheinbar einfaches, durchschnittliches Leben im 20. Jahrhundert führt, schaut man aber genauer hin, so ist ihr Leben einzigartig und besonders. Olgas Reichtum ist ihre innere Stärke, ihre Autarkie, selbst unter widrigsten Umständen, Ihre Fantasie, ihre Wissbegier und ihre Neugierde geben ihrem Leben Farbe, Ihr aufrechter Gang in dunklen Zeiten ist bewundernswert, der abwesende Geliebte wird zum sinnstiftenden Schutzbild, zum stillen Gefährten in ihren schwersten Stunden.
Absolut lesenswert für anspruchsvolle Leser.

Tags: Zweiter Weltkrieg, Erster Weltkrieg, Liebesgeschichte, Nachkriegszeit, Ostpreußen Zeitgeschichte

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